Analyse qualitativer Daten mit dem Leipzig Corpus Miner (LCM)

Discussion Paper Nr. 5 jetzt online.

Der Text mit dem Titel “Analyse qualitativer Daten mit dem Leipzig Corpus Miner” ist ab sofort unter dem Menüpunkt Discussion Paper zum Download verfügbar. Gregor Wiedemann und Andreas Niekler beschreiben darin die Grundlagen und verschiedenen Funktionalität des Leipzig Corpus Miners (LCM). Der LCM ist eine Webanwendung, die verschiedene Text Mining Verfahren für die Analyse großer Mengen qualitativer Daten bündelt. Durch eine einfach zu bedienende Benutzeroberfläche ermöglicht der LCM Volltextzugriff auf 3,5 Millionen Zeitungstexte, die nach Suchbegriffen und Metadaten zu Subkollektionen gefiltert werden können. Auf dem Gesamtdatenbestand sowie auf den Subkollektionen können verschiedene computergestützte Auswertungsverfahren angewendet und zu Analyseworkflows kombiniert werden. Damit ermöglicht der LCM die empirische Analyse sozialwissenschaftlicher Fragestellungen auf Basis großer Dokumentkollektionen, wobei qualitative und quantitative Analyseschritte miteinander verschränkt werden können.

Projektworkshop in Hamburg

Foto25 TeilnehmerInnen arbeiten seit drei Tagen mit dem Leipzig Corpus Miner von ePol

Seit Montag dieser Woche läuft der ePol-Projektworkshop “Text Mining in der Politikwissenschaft” an der HSU Hamburg. Mit 25 TeilnehmerInnen aus Deutschland, Österreich und den Niederlanden und entsprechend vielen und unterschiedlichen Forschungsfragen zeigt der Workshop, wie vielfältig die Verwendungsmöglichkeiten des Leipzig Corpus Miners von ePol sind. Auch das parallele Bearbeiten vieler verschiedener Anfragen hat keinerlei gravierende technische Probleme verursacht. Im Gegenteil: durch das Feedback der TeilnehmerInnen werden wir in den kommenden Woche kleinere Fehler ausbessern und weitere Funktionalitäten hinzufügen können.

Die im Rahmen des Workshops erarbeiteten Ergebnisse werden Anfang kommenden Jahres in einem Sammelband mit dem (Arbeits-)Titel “Text Mining in der Politikwissenschaft” bei Springer VS publiziert. Neben zahlreichen politik- und sozialwissenschaftlichen Detailstudien wird der Band auch grundsätzliche Überlegungen zum Zusammenhang von Text und sozialer Wirklichkeit, zur Funktionalität des Leipzig Corpus Miners und zur Methodologie des Text Mining in politikwissenschaftlichen Forschungskontexten enthalten.

Fundstück des Monats: F.A. Hayek: Der Weg zur Knechtschaft

Besprechung des Buches von Hayek aus der Zeit vom 10.10.1946.

Der Nationalökonom F. A. Hayek ist im Jahre 1930 als Vertreter der österreichischen-Schule von Wien nach London berufen worden und derzeit Professor an der London-School of Economics, Mitherausgeber des „Economic Journal“ und der „Economica“ und gleichzeitig Mitglied der British Academy of Sciences. Sein Buch „The Road to Serfdom“ ist im Jahre 1944 erschienen und 1945 in deutscher Übersetzung unter dem, Titel „Der Weg zur Knechtschaft“ im Eugen-Rentsch-Verlag, Erlenbach-Zürich, herausgekommen. Das interessante Buch ist ein Beweis dafür, daß die Frage der Vermassung, des Verhältnisses also, in dem Individuum und Masse zueinander stehen, auch in England ernsthaft diskutiert wird.
Hayek steht auf dem Boden der klassischen liberalen Theorie und analysiert von daher die geistige und ökonomische Situation der Zeit. Er kommt dabei zu der eigenartigen Feststellung, daß der Sozialismus als kollektives Prinzip die Antithese der politischen Freiheit sei und darum zwangsläufig den Totalitarismus zeitigen müsse. Es ergibt sich daraus die überraschende Feststellung, daß Sozialismus und Demokratie miteinander unvereinbar seien.
Sein Buch, das im Jahr 1944 in England erschienen ist, hat dort großes Aufsehen erregt. Es ist ein Buch, das manchen Widerspruch herausfordert und zugleich in mancher Hinsicht anregend ist, weil es alle hergebrachten Anschauungen auf den Kopf stellt: Sozialismus ist plötzlich nicht mehr eine geschichtliche Realität, sondern ein intellektueller und ökonomischer Irrtum, der Anfang vom Ende; und das System des „laisser-faire“, das freie Spiel der Kräfte, nicht etwa eine Utopie oder ein ideales „Denkschema“, sondern Ziel, Forderung und höhere Wirklichkeit zugleich.
Hayek stellt einander gegenüber: die freie Konkurrenzwirtschaft, in der Angebot und Nachfrage den Preismechanismus bestimmen, wodurch die Wünsche der Konsumenten mit dem Produktionsprogramm der Unternehmer in Übereinstimmung gebracht werden, und das „militärische“ System der Planwirtschaft, in dem bewußte Organisierung der Produktion, der Verteilung und des Arbeitseinsatzes unter einem bestimmten sozialen Aspekt erfolgen. Nicht die Individualwünsche sollen hierbei befriedigt werden, sondern „Gemeinwohl“ und „Gesamtinteresse“ sind entscheidend. Um ein solches vorgezeichnetes Ziel zu erreichen, muß ein bestimmter Plan aufgestellt werden, weil man den Gang der Wirtschaft nicht den Zufällen und Launen verantwortungsloser Individuen überlassen kann. Ein Wirtschaftsplan kann aber ebensowenig wie ein Feldzugsplan demokratisch entworfen werden. Man kann wohl einzelne autoritäre Maßnahmen demokratisch beschließen, aber nicht eine Planwirtschaft auf diese Weise kontinuierlich Steuern, sie setzt vielmehr immer ein autoritäres Moment voraus. Darum, so folgert Hayek, sind Demokratie und Planwirtschaft unvereinbare Dinge, denn diejenige Gruppe, die den Plan entwirft, wird ihre Moralbegriffe und ihre Wertskala der Allgemeinheit aufzwingen.
Die Demokratie soll die Freiheit des Individuums garantieren und kann darum nur in einem liberalen System gedeihen. Eine wirkliche „Diktatur des Proletariats“, die die zentrale Leitung des Wirtschaftslebens in die Hand nimmt, würde, so sagt Hayek, ungeachtet etwaiger demokratischer Formen die persönliche Freiheit wahrscheinlich ebenso restlos austilgen wie je die schlimmste Autokratie.
Die bewußte Lenkung des Wirtschaftslebens erfordert den Verzicht auf persönliche Freiheit zugunsten eines gemeinsam geplanten Zieles. Ein solcher Plan bedarf nach seiner Meinung zur Rechtfertigung in erster Linie nicht vernünftiger Überlegungen, sondern erfordert vor allem das Bekenntnis zu einem bestimmten Glauben. Daraus resultiert die Notwendigkeit einer allgemeingültigen Weltanschauung, wie sie der Sozialismus fordert. „Der Gedanke einer politischen Partei, die alle Tätigkeit des Individuums von der Wiege bis zur Bahre umspannt, die den Anspruch erhebt, die Ansicht des einzelnen über alles und jedes zu bestimmen, und die darin schwelgt, alle Probleme zur Frage der Weltanschauung der Partei zu machen, wurde zuerst von den Sozialisten in die Praxis umgesetzt. Nicht die Faschisten, sondern die Sozialisten hatten als erste den Gedanken, Sport und Spiel, Fußball und Wandern in Parteiklubs zu organisieren, in denen die Mitglieder nicht mehr durch abweichende Anschauungen infiziert werden konnten. Die Sozialisten waren die ersten, die darauf hielten, daß das Parteimitglied sich von andern Menschen durch die Form des Grußes und der Anrede unterscheiden solle. Sie waren diejenigen, die durch „Zellen“ und Vorkehrungen für die ständige Überwachung des Privatlebens den – Prototyp der totalitären Partei ins Leben gerufen haben.
Hayek schildert dann sehr anschaulich, wie in gewissen schwierigen Situationen zum Beispiel in Deutschland nach dem ersten Weltkrieg der Wunsch nach Planung erwacht und damit der erste Schritt zur Diktatur vollzogen wird. Die Unfähigkeit demokratischer Körperschaften, den doch offenbar einhelligen Wunsch eines ganzen Volkes in die Tat umsetzen zu können, erzeugt Unzufriedenheit mit den demokratischen Einrichtungen und erweckt schließlich den Wunsch nach einer „starken Regierung“, die auf kürzestem Wege durch Sachverständige das entscheiden und ausführen läßt, worüber die Politiker so lange „schwätzen“, bis es zu spät ist. Erstaunlich wirkt in diesem Zusammenhang ein von Professor Laski, dem damaligen Vorsitzenden der Labour Party, angeführtes Zitat aus der Zeit vor den englischen Wahlen: „jeder weiß, daß unser heutiger Parlamentsbetrieb völlig ungeeignet ist, eine große Menge von komplizierten Gesetzesvorlagen schnell durchzubringen. Die Regierung der nationalen Koalition hat diesen Tatbestand stillschweigend dadurch zugegeben, daß sie sich die Instrumente ihrer Wirtschafts- und Zollpolitik nicht durch eingehende Debatten im Unterhaus, sondern durch ein En-bloc-System der Ermächtigungsgesetzgebung geschmiedet hat. Eine Labourregierung würde wohl von diesem Präzedenzfall in vollem Umfang Gebrauch machen. Sie würde das Unterhaus auf die beiden Funktionen beschränken, die es angemessen erfüllen kann, nämlich auf die Vorbringung von Beschwerden und die Diskussion über die allgemeinen Grundsätze der Regierungsverordnungen. Die Notwendigkeit und die Bedeutung der Ermächtigungsgesetzgebung sind kürzlich vom Donoughmore-Committee stark unterstrichen worden, ihre Ausdehnung ist unvermeidlich, wenn der Prozeß der Sozialisierung nicht durch die gewöhnlichen Obstruktionsmethoden sabotiert werden soll, die die heutige Geschäftsordnung des Parlaments zuläßt.“
Auch die Demokratie kann zur Willkürherrschaft werden, wenn sie eine Regierung oder ein Regierungssystem hervorbringt beziehungsweise zuläßt, das sich nicht an feste Rechtsnormen hält. Damit kommt Hayek zu dem zweiten Hauptpunkt seiner Deduktion. Der Rechtsstaat, führt er aus, ist gekennzeichnet durch gewisse Normen, die ein für allemal festgelegt sind und die kundtun, wie der Staat in bestimmten typischen Situationen handeln wird beziehungsweise was für ein Verhalten er seinen Bürgern vorschreibt. Innerhalb dieser Normen, die weder Willkür noch Absolutismus, noch „freies Ermessen der Regierungen“, zulassen, kann das Individuum seine Interessen und Wünsche verfolgen. Diese Normen’sind nicht zugeschnitten auf das-Interesse bestimmter Menschen oder Gruppen, sondern sind „Spielregeln“, die niemandem speziellen Nutzen oder Vorteile bringen.
Anders die wirtschaftliche Planung des Kollektivismus. Sie muß den verschiedenen Bedürfnissen der verschiedenen Personen, Klassen und Gruppen einen unterschiedlichen Wert beimessen weil sie ja bestimmte Wertvorstellungen hat, deren Realisirung sie durch bewußte Maßnahmen fördern will. Darum können die Fragen, die sie bei ihren politischen Erwägungen über den zu stehenden Kurs entscheiden muß, nicht nach formalen Grundsätzen und Normen in dem oben geschilderten Sinne entschieden werden, sondern nur von Fall zu Fall, je nach Situation und politischem Zweck, wodurch ein Moment der Willkür in das Rechtssystem eingeführt wird. Diesen Unterschied zwischen „formalen“ und „materiellen“ Rechtsnormen verdeutlicht Hayek durch den Vergleich zwischen der Aufstellung von Wegweisern, an denen jeder sich zu orientieren vermag, und der Anordnung, einen bestimmten Weg zu benutzen.
Mit zunehmender Planwirtschaft muß man von dem System der formalen Norm des liberalen Rechtsstaates übergehen zu der materiellen Norm des totalitären Regimes, das dem Ermessen des Richters einen immer größeren Platz einräumt, weil ja das Recht zu einer Funktion der Politik geworden ist und die Rechtsnormen dazu da sind, bei der Herbeiführung eines bestimmten angestrebten Gesellschaftszustandes mitzuwirken. In einer kollektiven Gesellschaft gibt es bei dieser Darstellung keinen Rechtsstaat, nicht weil eine solche Gesellschaft nicht legal sei oder gesetzlos regiere, sondern deshalb, weil der Anwendung staatlicher Zwangsgewalt keine Grenzen mehr gesetzt sind und sie nicht länger durch im voraus festgelegte Normen bestimmt wird. Da in jedem Kollektivsystem, sowohl im sozialistischen wie im faschistischen, sagt Hayek, der Staat nicht Sehr gleich der Summe seiner Bürger ist, sondern vielmehr etwas Selbständiges, Übergeordnetes, wird der einzelne zur Funktion dieses höheren Organismus „Staat“ oder „Gemeinschaft“. Es gibt dann weder die Freiheit und Würde des einzelnen als obersten Begriff, noch das Gewissen des Individuums als Richtschnur des Handelns. Daher ist die Kollektivmoral eine ganz andere als die Individualmoral. Die formalen Normen der Individualethik sind absolut und generell gültig. Ein bestimmter Tatbestand oder gewisse Handlungen gelten als schlecht und strafbar, ganz gleich, ob daraus im Einzelfall Schaden entsteht oder nicht, ganz gleich, ob sie in eigennützigem Interesse oder zur Herbeiführung eines höheren Zweckes begangen werden. Der Grundsatz, daß der Zweck die Mittel heiligt, ist mit der Individualmoral unvereinbar, während er der Kollektivethik zur obersten Norm wird. Wenn das „Wohl des Ganzen“ das höchste Gebot ist, dann muß jede Handlung, die der Erreichung dieses Zieles dient, von dem Bürger des Kollektivstaates gefordert und erfüllt werden; Die Staatsraison des Kollektivstaates fordert geradezu, so meint Hayek, daß nicht das Gewissen, des einzelnen, sondern die Zweckmäßigkeit, das angestrebte Ziel zu erreichen, ausschlaggebend ist. Akzeptiert man diese Prämisse, so ist die Unterdrückung fremder Meinungen, die Nichtachtung der persönlichen Freiheit eines einzelnen, der dem Wohl der Gesamtheit im Wege steht, eine konsequente und jederzeit zu rechtfertigende Folge.
Für Hayek ist das zureichende und präzise Ordnungsprinzip der komplizierten, modernen Wirtschaft die Konkurrenz. Er sieht in jeder Störung dieses Systems einer sich automatisch ausbalancierenden freien Wirtschaft zugleich eine Gefährdung der politischen Freiheit. Die Forderung nach Sicherheit hat bereits einen Strukturwandel der Gesellschaft zum Totalitarismus hin gezeitigt; denn, wird einigen eine erhöhte Sicherheit gewährt, so wird die Sicherheit aller andern dadurch notwendigerweise beeinträchtigt, bis schließlich, so folgert Hayek, das allgemeine Bedürfnis nach Sicherheit derart zunimmt, das letzten Endes kein Preis dafür zu hoch erscheint – selbst der der Freiheit nicht. Verstärkt worden ist diese Entwicklung nach Hayeks Meinung durch die sozialistische Doktrin der Verunglimpfung jeder mit persönlichem Risiko verbundenen Tätigkeit. Verdienen ist unmoralisch und die festbezahlte Stellung höherwertiger, selbstloser und uneigennütziger. „Die Beschäftigung von hundert Arbeitern gilt als Ausbeutung, aber die Kommandierung. der gleichen Anzahl als ehrenvoll.“
Im Gegensatz hierzu hält Hayek das Privateigentum für eine wichtige Garantie der Freiheit. Wenn die Herrschaft über die Produktionsmittel sich auf viele unabhängig voneinander handelnde Menschen verteilt, sind wir freier, als wenn sämtliche Produktionsmittel in einer Hand – sei es in der der Gesellschaft oder der eines Diktators – liegen. „Wer würde nicht einsehen, daß ein Multimillionär, der mein Nachbar und vielleicht mein Arbeitgeber ist, weit weniger Macht über mich hat als der kleinste Funktionär, der die Zwangsgewalt des Staates ausübt und von dessen Belieben es abhängt, ob und unter welchen Bedingungen man mir zu arbeiten und zu leben erlaubt! Und wer wird leugnen wollen, daß die Welt, in der die Reichen mächtig sind, immer noch besser ist als eine, in der allein die bereits Mächtigen zum Reichtum gelangen können.“ D–ff

Die Ökonomisierung der Politik in Deutschland

Sammelband erscheint am 31.7.2014

9783658026196Der Sammelband zur Ökonomisierung der Politik in Deutschland, der der Frage nachgeht, wie weit Ökonomisierungsprozesse in unterschiedlichen Politikfeldern bereits vorangeschritten sind und was überhaupt Ökonomisierung bedeutet, erscheint zum 31.7.2014 bei Springer VS. Weiterführende Informationen gibts auf der Homepage zum Buch und auf den Seiten des Verlages.

Verschwindet die Soziale Marktwirtschaft?

Vortrag von Matthias Lemke an der Universität Freiburg

Mittels Frequenz- und Kookkurrenzanalysen sowie einem beständigen ‘close reading’ der hierfür verwendeten gut 5.400 Zeitungsartikel konnten wir zeigen, dass sich die Verwendung des Bigrams ‘Soziale Marktwirtschaft’ in der Zeit von 1950 bis 2010 signifikant verändert hat. Am 29.7.2014 wird Matthias Lemke auf Einladung von Prof. Dr. Tim Krieger die Ergebnisse dieses ‘blended reading’ und das dazugehörige Paper an der Universität Freiburg vorstellen. Beginn der Veranstaltung ist um 16:00 Uhr.